
Der Legende nach wurde der heilige Vitus, von den Deutschen Veit benannt, schon als Knabe von zwölf Jahren getötet, kann also von Dingen wie Rausch, Tanz und Liebe noch keine Ahnung gehabt haben- ganz abgesehen davon, dass ihm als Heiligem dergleichen gar nicht zustand. Dennoch wurde sein Tag, der fünfzehnte Juni, dereinst mit so orgiastischen Tänzen gefeiert, daß die Erinnerung noch heute im Worte „Veitstanz“ fortlebt, und daß er bis heute Schutzheiliger der Tänzer blieb; dennoch bitten ihn die Mädchen um einen Mann und die Frauen um Kindersegen; dennoch verfertigen selbst die leichten Damen aus den Blüten seiner Pflanze, der Veitsbohne, unter Gebeten ein Wasser, das die Haut glättete und als Schminke ihre Wangen rötete. Alles das ist viel, viel zuviel verlangt von einem zwölfjährigen Knaben; wer trägt an dieser Überforderung die Schuld?
Unschuldiger- und unbewußterweise die Kirche selbst: sie verlegte nämlich seinen Gedenktag in die Zeit, da die römischen Bauern und Bäuerinnen ihr Gemüse zu stecken pflegten. Und wie uns der unverdächtige Zeitzeuge Plinius mitteilt, musste das alles nackt geschehen- tagsüber; abends und nachts schlossen sich ekstatische Freudentänze an- ebenfalls nackt, unterbrochen von nur nackt eingenommenen Gemüsemahlzeiten. Unter solchen Umständen war für die römischen Großstädterkreise ein Ausflug aufs Land an diesem Tage ein begreiflicherweise verlockendes Vergnügen.
Solche schönen, aber wenig sittlichen Zeiten sind vorbei; die Kirche machte Schluß damit, und mit den Nackttänzen verschwand für lange Jahrhunderte auch gleich das Gemüse. Bis weit ins sechzehnte Jahrhundert hinein galt es selbst in Frankreich als Luxus, abgesehen nur von den „Feldfrüchten“ Kohl und Rüben; und als endlich der Domherr Chevrier, ein kühner Neuerer der Kochkunst, sich doch an den Spinat wagte, ließ er ihn von Sonntag bis Freitag ununterbrochen kochen, ehe er es riskierte, ihn zu genießen. Erbsen waren in England ein so ungewohntes Gericht, dass sie der so feingebildete, große Philosoph David Hume noch mit dem Messer aß, und als in Asien der Großmogul Aureng Zeb seinen Vater vergiften und seine Brüder erwürgen ließ und darob, im Gegensatz zu manch christlichem Potentaten, Reue empfand, glaubte er sein Verbrechen dadurch abbüßen zu können, dass er hinfort nur noch Spargel aß- also das königliche Gemüse! In Deutschland schließlich kam sogar bis zum Siebenjährigen Kriege kein Gemüse auf eine bessere Tafel- in dem berühmten Schulinternat Schulpforta war es bis 1757 sogar verboten. Man kannte nur des Fleisches Lust und huldigte nur ihr, und lediglich die Bauern steckten nach wie vor am Sankt-Veits-Tag ihren Kohl, wenn auch nicht mehr nackt; des Gemüses Lust war erst wieder entdeckt durch- die Zahnärzte.
Quelle:WAS GLEICH NACH DER LIEBE KOMMT
Katerlieschens Kochbuch, von Katinka und Herrmann Moslar
Südwest Verlag München
Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 29. April 2012 07:26